Zur Phänomenologie der Gefühle

Gefühl - Affekt - Emotion -

Stimmung - Befindlichkeit

Diese phänomenologische Analyse der Gefühle entstand im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Philosophie Martin Heideggers.
Gefühl, Affekt, Emotion, Stimmung und Befindlichkeit sind desselben Wesens. Sie unterscheiden sich voneinander in der Dauer ihres Auftretens und der Heftigkeit der Aufwallung. So sind Gefühle, die wir als Affekte bezeichnen, in der Regel kurz dauernd aber von heftiger Intensität. Stimmungen hingegen sind lang andauernd und üblicherweise von geringerer Intensität.

Funktion der Gefühle

  • Gefühle (Stimmungen) und Sichtweise (Verstehen) bilden die Grundstruktur des menschlichen Daseins.
  • Gefühle sind nicht etwas, was der Mensch unter anderem auch hat, sondern sie strukturieren seine Welt.
  • Jedes Gefühl hat eine bestimmte Funktion, erfühlt einen bestimmten Zweck.

In Heideggers Fundamentalontologie nehmen Gefühle eine herausragende Stellung ein, denn für ihn bilden Verstehen und Befindlichkeit die Grundstruktur des menschlichen Daseins – im Gegensatz z. B. zu Schopenhauer und Nietzsche, bei denen der Wille das Primäre ist. Gefühle sind niemals bloß Beiwerk, sondern bilden das Grundgerüst für die Strukturierung unserer Welt und damit für jegliches menschliches Erleben und Handeln. Um dies zu verdeutlichen, wollen wir einzelne Gefühle einer phänomenologischen Analyse unterziehen:

Wut

Ziel Ziel
  • Ich verfolge ein Ziel.
  • Irgendjemand oder irgendetwas hindert mich am Erreichen dieses Zieles.

Wut: Wut tritt auf, wenn ich ein Ziel verfolge und sich irgend ein Hindernis zwischen mir und meinem Ziel stellt. Das Hindernis verstellt mir den Blick auf das Ziel, ich verliere das Ziel aus den Augen und richte meine Aufmerksamkeit auf das Hindernis. Auf dieses bin ich wütend und will es überwinden bzw. beseitigen. Wenn sich in grauen Urzeiten einer Gruppe von Kriegern auf einem Raubzug plötzlich ein Hindernis in den Weg stellt, und die Männer dieses Hindernis überrennen und zerstören, mag die Wut seinen Zweck voll erfüllen. Wenn ich es aber eilig habe, weil ich zu einer Besprechung muss, und ich mir beim Öffnen der Bürotüre meinen Kopf anschlage, macht es wenig Sinn, dem Hindernis, der Türe meine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und auf sie einzutreten.
Der Alltag ist voll von Hindernissen, die uns auf unseren Weg zu unseren Zielen im Wege stehen. Deshalb ist Wut auch ein Gefühl, das häufig auftritt.
Wer wütend wird, sollte sich wieder auf sein Ziel, das er aus den Augen verloren hat, besinnen. Er findet dann möglicherweise Wege, um das Hindernis zu umgehen. Er kann seine Aufmerksamkeit auch einem höheren Ziel zuwenden, etwas, das sich lohnt, danach zu streben.
Wer nie wütend wird, behält, wenn sich ihm ein Hindernis in den Weg stellt, stets sein Ziel vor Augen. Er über-sieht das Hindernis. Vielleicht ist es manchmal angebracht, Wut zuzulassen und den Blick auf das Hindernis zu wenden.

Zorn (Jähzorn): Der Jähzorn ist durch sein jähes Auftreten gekennzeichnet. Auch im Jähzorn verliere ich mein Ziel aus den Augen. Aber infolge die Heftigkeit der jähen Aufwallung verschwimmt sogar das Hindernis vor meinen Augen und ich schlage blind um mich.

Ärger: Bei der Wut - „ich bin wütend auf …“ - bin ich mit meinem unmittelbaren Erleben assoziiert. Beim Ärger hingegen - „ich ärgere mich über …“ - bin ich vom ursprünglichen Ereignis zur Gänze dissoziiert. Ich schwebe sozusagen über der Situation und betrachte sie von der Ferne. Anstatt dass ich versuche, aktiv mein Ziel zu verfolgen oder das Hindernis zu überwinden, verharre ich tatenlos im Nachdenken. Meine Gedanken kreisen in einem reflexiven Selbstgespräch (ich bespreche die Situation in einem inneren Dialog mit mir selber) über das mich ärgernde Ereignis. Der Ärger richtet sich gegen mich selber. Manchmal mag es hilfreich sein, Ärger wieder in Wut zu verwandeln, indem ich mich frage: worauf sollte ich eigentlich wütend sein?

Empörung: Während man beim Ärger vollständig vom ursprünglichen Ereignis dissoziiert ist, ist mir in der Empörung diese Dissoziation, dieses Heraustreten aus der Situation nur unvollständig gelungen. Ich bin sozusagen mit einem Bein schon draußen und mit dem anderen noch drinnen. In der Empörung - „ich bin empört über …“ - teile ich mein Gefühl und meine Meinung den Anderen mit (in der Wirklichkeit oder oft nur in der Phantasie). Ich will, dass Andere für mich eintreten und das Hindernis beseitigen. Meine Aktivität besteht lediglich in der verbalen Äußerung meiner Empörung, Andere sollen tätig werden.

Wir schwanken in einer Situation oft zwischen den Gefühlen Jähzorn ↔ Wut ↔ Empörung ↔ Ärger hin und her, je nachdem wir unser Ziel aus den Augen verlieren, nur das Hindernis sehen, dissoziieren, inaktiv werden, mit uns selber innere Zwiesprache halten, uns vor anderen äußern, wieder assoziieren, das Hindernis übersehen, das Ziel uns wieder vor Augen führen etc. Dann wird aus Wut, Jähzorn oder Empörung oder Ärger und umgekehrt.

Schamgefühl

„Ich möchte dazugehören!“

(ich und die Gruppe)

  • Verletzung einer (oft unklaren) Gruppennorm
  • Ausschluss aus der Gruppe („Schäm dich!“)
  • Schamgefühl als Wiedergutmachung („Ich schäm mich und ich bereue mein Verhalten!“)
  • Wiederaufnahme in die Gruppe

Scham und Schuldgefühl fühlen sich zwar völlig unterschiedlich an, treten aber häufig gleichzeitig auf, da beide mit der Verletzung von Normen zu tun haben.

Bei der Scham geht es um die Verletzung einer Norm der Gruppe (Familie, Gruppe, Dorfgemeinschaft etc.), der ich mich zugehörig fühle. Die jeweilige Norm kann unklar, unausgesprochen oder gar von mir in die Gruppe projiziert sein. Gruppennormen können ethisch-moralische Anforderungen sein und z. B. Anstand und Sitte betreffen. Sie können aber auch Banalitäten sein, wie eine bestimmte Frisur, eine bestimmte Kleidung, eine bestimmter Gruppensprache (Slang), ein bestimmter Musikgeschmack etc. Es kann bei ihnen um das bloße Aussehen gehen oder aber um das Verhalten. Sie dienen dem Gruppenzusammenhang und dem Erhalt und die Festigung der Gemeinschaft. Jedes Mitglied der Gruppe muss diese Normen erfüllen. Wenn ich dazugehöre oder dazugehören möchte, bin ich diesen Normen verpflichtet und an sie gebunden. Aber zugleich spüre ich, dass es nicht meine eigenen ganz persönlichen Normen sind. Die Normen sind eine Anforderung der Gruppe an mich. Oft sind es Normen, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich sie nicht erfüllen kann. Mir gehen gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten ab, ich bin zu schwach, um sie zu erfüllen. Ich genüge den Ansprüchen und Anforderungen der Gruppe nicht. Daher muss ich meine Mängel verheimlichen und mein Nicht-Genügen vor der Gruppe verstecken. Bei Verletzung einer Gruppennorm – gleichgültig ob sie durch Nicht-Erfüllung aus einem Mangel heraus oder Übertretung im ethisch-moralischem Sinne erfolgt - droht die Ächtung durch die Gruppe und der Ausschluss aus ihr. Auch wenn die Gruppe anscheinend nicht sofort zu reagieren scheint, die Botschaft, die ich aus den Blicken, der Mimik, den Gesten und dem Verhalten der Gruppenmitglieder heraushöre, ist: „Du bist unfähig unseren Normen zu genügen bzw. unwillig, dich an sie zu halten, du bist nicht wert, zu uns zu gehören.“ Mein Ansehen und mein Ruf innerhalb der Gruppe sind beschädigt, ich habe meinen Wert in der Gemeinschaft eingebüßt. Die Strafen, die die Gruppe nach Verletzung der Norm verhängt und die Wiedergutmachung meinerseits laufen üblicherweise nach denselben Muster ab: Abschätzig werde ich von oben herab angeblickt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Ich habe das Gefühl in den Boden zu versinken. Am liebsten würde ich mich möglichst klein machen und irgendwo in einer dunklen Ecke vor den verächtlichen und demütigenden Blicken verstecken. Aus ihr hinausgeworfen und von ihr verstoßen, muss ich alles, was mir in der Gruppe an Bedeutung war, zurücklassen und stehe nun ganz alleine da. Besonders bei moralischen Verfehlungen dient mein Schämen und Bereuen der Wiedergutmachung, um als ehrenwertes und respektiertes Mitglied in der Gruppe verbleiben zu dürfen oder nach dem Hinauswurf wieder in sie aufgenommen zu werden. Ein äußeres Zeichen für die Gemeinschaft, dass Scham und Reue nicht gespielt sondern echt sind, ist das Senken des Blickes als Zeichen meiner Unterwerfung und das Erröten, die Schamesröte.

Fremdschämen („ich schäme mich für dich …“): Scham hat die Tendenz sich unter den Mitgliedern einer Gruppe auszubreiten. Man schämt sich für einen Anderen. Dies geschieht deshalb besonders leicht, weil es bei der Scham um die Gemeinschaft, ihr Wertesystem und ihre innere Ordnung geht. Wenn ich nun mit einem einzelnen Mitglied meiner Gruppe besonders nahe verbunden bin und dieses einer Gruppennorm nicht entspricht oder sie verletzt, habe ich zu befürchten, dass die Ächtung der Gruppe nicht nur ihm gilt, sondern auch gegen mich gerichtet wird. Die Person, welche die Gruppennorm verletzt, muss nicht einmal Gruppenmitglied sein, es genügt meine enge emotionale Verbindung mit ihr. So schämen sich oft Kinder und Jugendliche vor ihrer Freunden für ihre Eltern.

Scham gibt es nur in der Gemeinschaft. Wenn ich als Einzelner ganz allein oder mit einem Menschen zu zweit lebe, ohne irgendwelchen Kontakt zu einer Gruppe oder Gemeinschaft zu haben – auch nicht in meiner Vorstellung! -, tritt Scham nicht auf. Denn mein jeweiliges Verhalten verstößt ja nicht gegen meine persönliche Norm, und ohne Gruppe kann es keine Gemeinschaftsnorm geben. Wenn ich mich vor einer einzelnen Person schäme, spielt trotzdem die Gruppe in diesem Geschehen eine wichtige Rolle. In der Einzelperson sehe ich jemanden, der die Gruppe vertritt, d. h. einen Repräsentanten der Gruppe – gleichgültig, ob diese in der Wirklichkeit besteht oder ob es sie bloß in meiner Imagination gibt. Schamgefühle treten häufig schon auf, bevor es überhaupt zu einer tatsächlichen Verletzung der Norm meinerseits gekommen ist. Es genügt schon, wenn ich davon spreche oder nur daran denke, d. h. mir die Übertretung und die Reaktionen der Gruppe darauf vorstelle. Sie hindern mich am Handeln. Ich werde zwar verlegen aber komme nicht in die Verlegenheit zu handeln. So beschützen und bewahren Schamgefühle meine Stellung innerhalb der Gruppe.

Schuldgefühl

„Ich möchte dir nicht schaden!“

(ich und du)

  • Verletzung einer eigenen Norm
  • Die eigene Norm kann von einer anderen Person oder einem allgemeinen Wertesystem ungeprüft übernommen sein (öffentliches Gewissen; Weltgewissen) oder von mir selbst aufgestellt sein (eigentliches Gewissen)

Beim Schuldgefühl handelt es sich immer um die Verletzung einer eigenen Norm. Ich habe etwas getan, tue etwas oder fühle mich gezwungen, etwas in der Zukunft tun zu müssen, was meinen eigenen Normen widerspricht. Die jeweilige Norm kann dabei durchaus ungeprüft von einer anderen Person oder einem allgemeinen Wertesystem übernommen sein – ich habe sie aber mir zu eigen gemacht. Schuldgefühle dienen dazu, dem anderen Menschen nicht weh zu tun, ihn nicht zu verletzen, ihm keinen Schaden zuzufügen. Wie Schamgefühle können sie nach oder während der jeweiligen Tat auftreten, aber auch schon vor dieser. In diesem Falle hindern mich die Schuldgefühle am Handeln. Wenn es bei der Scham um die Gemeinschaft insgesamt ging, geht es beim Schuldgefühl immer um Einzelpersonen. Ich fühle mich dir gegenüber schuldig! Wenn ich mich meinen Eltern gegenüber schuldig fühle, fühle ich mich genau genommen meinem Vater gegenüber schuldig und ich fühle mich meiner Mutter gegenüber schuldig – und dies meist in einem unterschiedlichen Ausmaß.

Da in vielen Situationen durch mein Handeln eine eigene Norm, die zugleich auch Gruppennorm ist, verletzt wird bzw. da oft unklar ist, was eigene Norm und was Gruppennorm, die ich im Grunde meines Herzens eigentlich nicht teile, ist, treten Schamgefühl und Schuldgefühl häufig gemeinsam in variabler Mischung auf.

Schuldkulturen und Schamkulturen: Häufig werden unsere westlich geprägte Kultur als eine Schuldkultur und die östlichen, asiatischen Kulturen als Schamkulturen bezeichnet. Bei dieser Unterscheidung sollte jedoch ein wichtiger Umstand nicht aus den Augen verloren werden: In den sog. Schamkulturen spielt Schuld eine außerordentliche Rolle. Jemand verletzt durch sein Handeln die Ehre seiner Familie oder seiner Gruppe und bringt so Scham und Schande auf diese. Die Reaktion der Beschämten ist dann: Du hast unsere Ehre verletzt, du bist schuld, dass wir uns schämen müssen. Du bist schuld an unserer Scham!

Schuld und Verantwortung: Schuld und Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille. „du bist schuld an …“ bedeutet immer „du trägst die Verantwortung für …“ Nur wer Verantwortung hat, kann schuldig werden. Wer sich für eine Tat nicht verantwortlich fühlt, wird in Bezug auf diese auch keine Schuldgefühle entwickeln. Umgekehrt erleben wir oft Schuldgefühle in einer bestimmten Begebenheit, obwohl wir, objektiv betrachtet, dafür keinerlei Verantwortung tragen – dies kann aber nur geschehen, wenn wir uns trotz aller gegenteiligen Beteuerungen anderer oder von uns selbst dennoch in gewisser Weise verantwortlich fühlen. Verantwortung tragen nur Menschen. Tiere können zwar bestraft und gezüchtigt werden, können aber für ihr Verhalten nicht zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb sind Tiere auch immer frei von Schuld. Nur wir Menschen müssen uns für etwas verantworten. Verantwortung ist das auszeichnende Merkmale von uns Menschen, deshalb sind Schuldgefühle – ob in der jeweiligen Sache berechtigt oder unberechtigt – die „menschlichsten“ aller Gefühle.

Eifersucht

  • Zweck: Zurückgewinnung des geliebten Menschen.
  • Der geliebte Mensch zieht seine Liebe und Aufmerksamkeit von mir ab und schenkt sie einem anderen Menschen.
  • Das Gefühl Eifersucht lässt mich ihm gegenüber so „auffällig“ agieren, dass er seine Aufmerksamkeit wieder mir zuwenden muss und sie nicht beim Anderen halten kann. (Er muss sich wieder mit mir beschäftigen.)
  • Das eifersüchtige Agieren ist dann erfolgreich, wenn ich nicht nur die Aufmerksamkeit der geliebten Person an mich fesseln kann, sondern auch ihre Liebe zurückgewinnen kann.

Eifersucht zeigt hinsichtlich gewisser Merkmale Übereinstimmung mit Neid. Beides, Neid und Eifersucht haben mit Menschen zu tun. Bei Neid beneide ich jemanden, bei Eifersucht bin ich auf jemanden (den/die – möglicherweise vermeintliche/n - Nebenbuhler/in) eifersüchtig. Bei Neid geht es um eine Sache, die jemand anderes hat und die ich haben möchte. Im Gegensatz dazu geht es aber bei Eifersucht um einen Menschen, der bei jemandem Anderes ist und den ich bei mir haben möchte. Wenn ich einen Menschen um eine Eigenschaft, die er hat und die ich gerne hätte, wie z. B. schöne Augen oder Erfolg im Umgang mit anderen Menschen beneide, ist dies noch immer eine Sache im weiten Sinne des Wortes. Bei Eifersucht hingegen geht es um das Herz des Menschen, um den Menschen selbst, von dem ich möchte, dass er sich von der anderen Person abwendet und sich mir zuwendet. Das Gefühl Eifersucht tritt kaum isoliert, d. h. in reiner Form, sondern üblicherweise zusammen mit anderen Gefühlen, wie Wut, Sehnsucht, Traurigkeit, Hass, Liebe, Neid, Zweifel, aber auch mit einer variablen Mischung von – meist negativ bewerteten - reflexiven Gefühlen wie Verlust des Selbstwertes, Verlust des Selbstvertrauens usw. auf.

Gier - Sehnsucht - Liebe

  • Liebe: Du, geliebter Mensch bist mir wichtig!
    (ja wichtiger als ich mir selbst bin)
  • Sehnsucht: Ich möchte dir nahe sein.
    (Sein; Nähe; hingezogen sein; ich zu/bei dir)
  • Gier: Ich will das haben!
    (Haben; herholen; es zu/bei mir)
    Begierde: Ich will deinen Körper sehen, ich will deine Stimme hören, ich will deinen Geruch riechen, ich will deinen Körper und deine Bewegungen spüren!

Große Verwirrung herrscht in Bezug auf den Begriff Liebe. In der deutschen Sprache steht das Wort Liebe für verschiedene teils komplexe Phänomene.

Das Gefühl Liebe (Nächstenliebe) tritt häufig gemeinsam mit Sehnsucht und Gier auf. Dies ist wahrscheinlich der Hauptgrund für die Vermischungen, Verwechslungen und Verwirrungen in diesem Bereich.
Versuchen wir, diese drei Gefühle klar voneinander zu trennen, indem wir auf die zugrunde liegenden Phänomene achten, und diesen jeweils einen einzigen klar definierten Begriff zuweisen.
Liebe: Bei der Liebe (Nächsten-Liebe) geht es immer um die Beziehung von mir zu einem einzelnen Menschen. So liebt die Mutter, welche alle ihre Kinder liebt, jedes einzelne einzeln. Der Ruf des Popstars auf der Bühne zu seinem ihn bewundernden Massen-Publikum: Ich liebe euch! ist Täuschung und Selbsttäuschung und hat nichts mit dem Phänomen Liebe zu tun.
Dem Gefühl Liebe liegt folgendes Phänomen zugrunde: Du geliebter Mensch bist mir wichtig, wichtiger als ich mir selber bin. Liebe hat stets die Tendenz, die Bedürfnisse des geliebten Menschen vor die eigenen zu stellen, sich für ihn aufzuopfern. Deshalb ist es wichtig, die Liebe zu zügeln. Im zusammengesetzten Wort Nächsten-Liebe gibt der Wortteil „Nächsten-“ einen weiteren wichtigen Hinweis: Durch die Liebe besteht Nähe. In dem Augenblick, in welchem ich einen Menschen liebe, ist er mir nahe. Derjenige, den ich am meisten liebe, ist mir der Nächste. Im Gegensatz zu Sehnsucht, bei der es auch um Sein und Nähe geht („Es zieht mich hin zu dir, ich möchte dir nahe sein.“), besteht in der Liebe diese Nähe von vornherein. Nicht ich bin dort beim geliebten Menschen, sondern er ist hier bei mir. So ist auch ein verstorbener geliebter Mensch in meiner Liebe zu ihm hier bei mir.
Liebe und Selbstliebe sind zwei unterschiedliche Phänomene. Wenn mich der geliebte Mensch verlässt, bin ich traurig. Ich selber kann mich nicht verlassen und nicht „traurig sein, weil ich weg von mir selber bin“. Bei Selbstliebe geht es um Akzeptanz der eigenen unterschiedlichen und einander scheinbar ausschließenden Persönlichkeitsanteile. Es geht um mein „Einswerden“ mit mir selber. Je mehr ich auf meine eigenen Bedürfnisse achte, für mich selber gut sorge, mit mir selber im Reinen bin, desto mehr kann ich mich auf den Anderen in Liebe beziehen. Dennoch hat ein Aspekt der Selbstliebe gewisse Übereinstimmungen mit der eigentlichen Liebe, der Nächstenliebe: Das „wichtiger als …“ In der narzisstischen Selbstliebe bin ich mir selber wichtiger als alle anderen. Diese Selbst-Liebe ähnelt aber in ihrer Grundstruktur eher der Gier als der Liebe (Nächsten-Liebe).

Sehnsucht: In der Sehnsucht zieht es mich zu einem anderen Menschen hin. Es geht um Sein, Hingezogen sein und um Nähe, dem/der Anderen nahe sein! Die Richtung ist ein „Hin zu …“ Ich möchte hin zu dir, ich möchte bei dir sein. In der reinen Sehnsucht möchte ich hier alles verlassen, nur um zu Dir dort zu gelangen und dort bei dir in deiner Nähe zu sein. Wenn ich jemanden „herbeisehne“, habe ich zugleich das Gefühl, dass ich an das Hier gebunden bin und von hier nicht nach dort gelangen kann, oder dass die Umgebung, in der sich der Mensch, nach dem ich mich sehne, befindet, abstoßend ist. Auch in der Sehnsucht, geht es, wie bei der Liebe, um einen einzelnen Menschen. Bei der Sehnsucht nach einer Gruppe („Ich sehne mich nach euch!“) gilt die Sehnsucht genau genommen den einzelnen Personen in der Gruppe.

Exkurs: Ein Gefühl, welches sich zwar ganz anders als Sehnsucht anfühlt, hat dennoch nahe Verwandtschaft zu dieser: es ist die Traurigkeit. Traurigkeit hat andererseits auch eine ähnliche Grundstruktur wie Wut. Bei Wut ist das Ziel verloren gegangen, bei Traurigkeit hat mich der geliebte Mensch verlassen, sei es, dass er verstorben oder einfach nicht mehr gegenwärtig und zugleich unerreichbar ist. Da nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht nur er selbst unwiederbringlich weg ist, sondern mit ihm auch viele der Umstände und Sachverhalte, die mit ihm im Zusammenhang standen, gehört zum Trauerprozess auch Wut dazu; Wut auf die/den Verstorbene/n, dass sie/er mich, den/r Trauernden verlassen hat. Nachdem ich im Trauerprozess diese Wut zugelassen habe, merke ich, dass es gar nicht sie/er als Mensch ist, auf dem ich wütend war, sondern der Umstand, dass er/sie unwiederbringlich weg ist. Bei der Traurigkeit besteht keine Hoffnung mehr auf eine Wiederbegegnung. Sobald wieder Hoffnung auf eine Wiederbegegnung auftritt, verwandelt sich Traurigkeit in Sehnsucht. So sind Traurigkeit und Sehnsucht in gewisser Weise Geschwister. Oftmals schwanken wir zwischen Traurigkeit und Sehnsucht hin und her oder spüren beides zugleich, je nachdem wir uns Hoffnung auf ein Wiedersehen machen oder nicht.

Gier: Bei der Gier geht es im Gegensatz zur Sehnsucht um Haben. Es geht nicht um Menschen, sondern um Dinge und Sachen im weitesten Sinne des Wortes. Ich will das haben! Die Richtung ist „Her zu mir …, es zu mir …, es zu mir herholen, es bei mir haben“. Dies trifft auch auf die Begierde, wie z. B. die sexuelle Begierde zu. In der sexuellen Begierde geht es nicht um den anderen Menschen als Mensch, sondern um das, was er für mich zu bieten hat. (Ich will deinen Körper sehen, ich will deine Stimme hören, ich will deinen Geruch riechen, ich will deinen Körper und deine Bewegungen spüren!) Gier ist ein ausgesprochen wichtiges und positiv zu bewertendes Gefühl – auch und vor allem im Zusammenhang mit Liebe und Sehnsucht.

Verliebtsein

Ziel
Sehnsucht
Gier
(Begierde)
Freude
(Lust)
Liebe

Verliebtsein ist ein gemischtes Gefühl, das sich aus mindestens 4 Komponenten zusammensetzt: Liebe, Sehnsucht, Gier und Freude (Lust). Wenn diese Vier zusammen da sind, sind wir verliebt. Gier (Begierde) hat beim Verliebtsein eine ganz wichtige Funktion. Denn Liebe hat die Tendenz sich zu verausgaben, sich für den/die Andere/n zu opfern. Gier bildet dazu ein Gegengewicht, das durch sein „Her zu mir …“ dieser Neigung zur Selbstaufgabe entschieden entgegenwirkt. Sehnsucht, dieses himmlische Gefühl, verleitet uns „abzuheben“, um zur/m Anderen zu gelangen und damit unseren Boden zu verlieren. Gier, das irdische Gefühl, hält uns am Boden. In der Liebe und in der Sehnsucht stehe nicht ich im Mittelpunkt sondern der/die Andere. Dagegen geht es der Begierde nicht um den/die Andere/n, nicht er/sie, sondern ich stehe im Mittelpunkt. Gier zügelt Liebe und Sehnsucht.

288 Gefühle

Abgeklärtheit, Abgestumpftheit, Ablehnung, Abneigung, Abscheu, Achtsamkeit, Akzeptanz, Angst, Ängstlichkeit, Anspannung, Anteilnahme, Apathie, Ärger, Argwohn, Aufgebrachtheit, Aufgeschlossenheit, Aufgeregtheit, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Ausgeglichenheit, Ausgelassenheit, Bangigkeit, Bedachtsamkeit, Bedauern, Bedrückung, Befremden, Befriedigung, Begeisterung, Begehren, Begierde, Behagen, Behaglichkeit, Beharrlichkeit, Behutsamkeit, Behütetsein, Beklemmung, Beklommenheit, Beruhigtsein, Beruhigung, Beschaulichkeit, Bescheidenheit, Besessenheit, Besinnlichkeit, Besonnenheit, Besorgtheit, Beständigkeit, Bestürzung, Betroffenheit, Beunruhigung, Bewunderung, Bezauberung, Daseinsfreude, Demut, Demütigung, Desinteresse, Ehrgeiz, Ehrfurcht, Eifer, Eifersucht, Einsamkeit, Ekel, Empörung, Ekstase, Enthusiasmus, Entschlossenheit, Entsetzen, Entspannung, Enttäuschung, Entzücken, Erbarmen, Erfüllung, Ergötzen, Ergriffenheit, Erleichterung, Ermutigung, Erregtheit, Erregung, Erschütterung, Erstaunen, Erwartung, Fassungslosigkeit, Faszination, Feindseligkeit, Festigkeit, Freundlichkeit, Freude, freudige Erregung, Freudlosigkeit, Frohmut, Frohsinn, Fröhlichkeit, Frustration, Furcht, Furchtsamkeit, Geborgenheit, Geborgensein, Gedemütigtsein, Gedrücktheit, Geduld, Gefasstheit, Gekränktheit, Gelassenheit, Genugtuung, Genuss, Gereiztheit, Geringschätzung, Gespanntheit, gespannte Erwartung, Getriebensein, Gier, Gleichgültigkeit, Gleichmut, Glück, Glückseligkeit, Gram, Groll, Großmut, Großzügigkeit, Güte, Hass, Hassgefühl, Heiterkeit, Hilflosigkeit, Hingabe, Hochachtung, Hochgefühl, Hochgenuss, Hochmut, Hochspannung, Hochstimmung, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Initiative, Innigkeit, innere Erregung, Interesse, Interesselosigkeit, Intoleranz, Jubel, Kompetenz, Konzentration, Kraft, Kraftlosigkeit, Kummer, Kühnheit, Langmut, Langeweile, Lebensfreude, Lebenslust, Leeregefühl, Lethargie, Leidenschaft, Liebe, Lust, Lustigkeit, Milde, Missachtung, Missgunst, Misstrauen, Mitempfinden, Mitgefühl, Mitleid, Mut, Mutlosigkeit, Nachsicht, Neid, Nervosität, Neugier, Niedergeschlagenheit, Optimismus, Panik, Panikgefühl, Peinlichkeit, Pessimismus, Rache, Rachsucht, Rastlosigkeit, Ratlosigkeit, Respekt, Respektlosigkeit, Reue, Ruhe, Rührung, Sammlung, Sanftmut, Scham, Schamgefühl, Schamlosigkeit, Scheu, Schuldgefühl, Schwermut, Schwung, Schwunglosigkeit, Sehnsucht, Selbstachtung, Selbstbewusstsein, Selbstmitleid, Selbstvertrauen, Seligkeit, Sicherheit, Sorge, Spannkraft, Spaß, Staunen, Stolz, Stumpfheit, Sympathie, Tapferkeit, Tatendrang, Teilnahmslosigkeit, Toleranz, Trauer, Traurigkeit, Triumpfgefühl, Trost, Trostlosigkeit, Trotz, Trübsal, Trübsinn, Überlastung, Übermut, Überraschung, Überschwang, Überwältigung, Umsicht, Unbeugsamkeit, Unduldsamkeit, Unempfindlichkeit, Unermüdlichkeit, Unerschütterlichkeit, Ungeduld, Ungerührtheit, Unglücklichsein, Unrast, Unruhe, Unschlüssigkeit, Unsicherheit, Unternehmungslust, Unverdrossenheit, Unzulänglichkeit, Unzufriedenheit, Verantwortungsgefühl, Verachtung, Verbissenheit, Verbitterung, Verblüffung, Verbundenheit, Verdruss, Verlegenheit, Verletztheit, Vergnügen, Vergnügtheit, Verständnis, Vertrauen, Verwirrung, Verwunderung, Verzückung, Verzweiflung, Vorfreude, Vorsicht, Wachsamkeit, Wehmut, Weltschmerz, Wohlbehagen, Wohlbefinden, Wohlgefallen, Wohlgefühl, Wohlwollen, Wollust, Wonne, Würde, Wut, Zaghaftigkeit, Zähigkeit, Zärtlichkeit, Zaudern, Zerrissenheit, Zielbewusstsein, Zielstrebigkeit, Zögern, Zorn, Zufriedenheit, Zuneigung, Zutrauen, Zuversicht, Zuverlässigkeit, Zweifel, Zwiespältigkeit

Es gibt in unserer Sprache eine Unzahl von Ausdrücken, die Gefühle bezeichnen. In dieser Auflistung wurden eine mehr oder minder zufällige Auswahl solcher Benennungen zusammengetragen. Je nachdem wir die Grenzen in diesem Bereich setzen, erhalten wir mehrere hundert bis zu einigen tausend Ausdrücke für eine ebenso variable Anzahl von Gefühlen. Eine vollständige Tafel mit „allen erdenklichen Gefühlen“ wird aus Gründen, die mit der Sache selbst zu tun haben, nie zu erstellen sein. Und so wurde in willkürlicher Weise bei 288 Gefühlen halt gemacht.

Begriff versus Phänomen

Wir kommunizieren mittels Sprache über Phänomene; wir teilen einander Phänomene mit, indem wir Begriffe, die diese Phänomene bezeichnen, verwenden.

Wir kommunizieren mittels Sprache über Phänomene; wir teilen einander Phänomene mit, indem wir Begriffe, die diese Phänomene bezeichnen, verwenden. Schon der Ausdruck Phänomen wird unterschiedlich, d. h. für unterschiedliche Phänomene, verwendet. Der griechische Ausdruck Phainomenon heißt auf deutsch: das sich Zeigende, das Erscheinende. Ein die Sache treffender deutscher Ausdruck ist: das Gegebene, die Gegebenheit. Wir verwenden einen bestimmten Begriff, der das jeweils Gegebene genau so fassen (be-greifen) soll, wie es sich uns in Wahrheit zeigt. Üblicherweise verstehen wir das jeweils Gegebene sehr wohl (Verstehen), aber dies nur ungefähr und in groben Zügen. In den meisten Lebenssituationen genügt uns dieses vage, ungenaue und damit unklare Verständnis auch. Dennoch müssen wir das Verstandene begrifflich fassen (Begreifen), damit wir es mit unseren Mitmenschen mittels Sprache teilen können – dazu brauchen wir die Begriffe. Leider ist jeder Zu-griff auf ein Phänomen stets auch ein Fehl-griff, wir greifen zu und vergreifen uns dabei. Nun lernen wir aber viele Phänomene erst dadurch zu begreifen, indem von ihnen hören oder lesen, d. h. aus der Mitteilung anderer heraus. Wir hören oder lesen einen Begriff, ohne dass wir eine genaue Er-klärung mitgeliefert bekommen, und müssen nun diesen Begriff auf das jeweilige Phänomen (das jeweils Gegebene), von dem wir ohnehin nur ein ungefähres Verständnis haben, übertragen (projizieren).

Wichtig ist nicht, ob ein Phänomen (Gegebenes) in der Wirklichkeit tatsächlich vorhanden ist oder ob dieses ausschließlich in unserer Vorstellung gegeben ist. Der Sachgehalt eines Phänomens, das bloß vorgestellt wird, ist derselbe wie der, wenn es wahrgenommen wird. Ein Hammer, ob er bloß vorgestellt wird, ist genau so voll und ganz Hammer wie wenn er hergestellt und als Hammer verwendet wird. Gefühle, die wir in Erinnerung haben und Gefühle, die wir z. B. beim Lesen eines interessanten Buches mit fiktiven Personen haben, sind genau dieselben, die wir im wirklichen Umgang mit Menschen erleben. Die „Gefühle, die ursprünglich jemandem Bestimmten galten, und die wir nun auf andere Menschen projizieren“, wie dies in der sog. Übertragungsliebe in der psychoanalytischen Situation geschieht, sind genauso echte Gefühle, wie die, welche wir verspüren würden, wenn unser Wahrnehmen und Handeln nicht durch Projektionen getrübt wäre. Sie sind dieselben echten Gefühle.

Begriff versus Phänomen

  • Ein und derselbe Begriff kann verschiedene Phänomene bezeichnen.

    Beispiel: Liebe für den Wunsch, einen Menschen zu „besitzen“. Liebe für den Wunsch, einem Menschen zu „dienen“.

  • Ein und dasselbe Phänomen kann durch verschiedene Begriffe bezeichnet werden.

    Beispiel: Gier oder Liebe für sexuelle Anziehung.

  • Ein Begriff kann verschiedene Teilaspekte eines komplexen Phänomens bezeichnen.

    Beispiel: Liebe als Ausdruck für die grundsätzliche Beziehung zu einem Menschen. Liebe als konkretes Gefühl zu einem Menschen.

Um Missverständnisse zu vermeiden und um über ein Phänomen (ein Gegebenes) so eindeutig wie möglich zu kommunizieren, müssen wir darauf achten, dass die Begriffe, die es zu fassen versuchen, möglichst immer gleich und eindeutig verwendet werden. Dies ist ein Ideal, das im Alltag niemals verwirklicht werden kann – schon gar nicht, wenn wir über Gefühle kommunizieren. So müssen wir uns mit folgendem abfinden: Ein und derselbe Begriff kann verschiedene Phänomene (z. B. verschiedene Gefühle) bezeichnen; ein und dasselbe Phänomen (z. B. ein Gefühl) kann durch verschiedene Begriffe bezeichnet werden und ein Begriff kann verschiedene Teilaspekte eines komplexen Phänomens (z. B. ein Beziehungsaspekt in seiner Ganzheit mit all den unterschiedlichen beteiligen Gefühlen) bezeichnen.

Menschen & Angelegenheiten

  • Menschliches Handeln jeglicher Art ist immer auf bestimmte andere Menschen und bestimmte Angelegenheiten bezogen.
  • D.h. in jeder Angelegenheit habe ich es in irgendeiner Weise mit Menschen zu tun und ich interagiere mit Menschen immer in bestimmten Angelegenheiten.

Heidegger unterscheidet in seiner Philosophie streng zwischen daseinmäßigem Seienden und nichtdaseinmäßigem Seienden. Daseinmäßig Seiendes sind ausschließlich die Menschen, das sind der jeweilige Mensch selbst und seine Mitmenschen (Mitdasein). Nichtdaseinmäßiges Seiendes sind all die Sachen und Angelegenheiten, mit denen der Mensch zu tun hat. Die Beziehung des Menschen zu den Mitmenschen unterscheidet sich fundamental von der Beziehung zu den Sachen und Angelegenheiten. Die Beziehung zu den Mitmenschen nennt Heidegger Fürsorge, die Beziehung zu den Sachen und Angelegenheiten nennt er Besorgen. Die Beziehung zu sich selbst nennt er Durchsichtigkeit.

Gefühle

  • Gefühle beziehen sich jeweils auf einen bestimmten Menschen (oder mehrere Menschen) bzw. eine bestimmte Angelegenheit in einer bestimmten Situation.
  • Gefühle formen die jeweilige Beziehung zum / zu den betreffenden Menschen und zur betreffenden Angelegenheit.

Nach Heidegger sind aber die Beziehung zu Menschen und die zu Angelegenheiten niemals voneinander zu trennen. Es gibt keine reine Beziehung zu Dingen oder Angelegenheiten ohne jeglichen Bezug zu Menschen. Genauso wenig gibt es die reine Herz-zu-Herz-Beziehung.

Menschliches Handeln jeglicher Art ist immer auf bestimmte andere Menschen und bestimmte Angelegenheiten bezogen. D. h. in jeder Angelegenheit habe ich es in irgendeiner Weise mit Menschen zu tun und ich interagiere mit Menschen immer in bestimmten Angelegenheiten. Auch der Einsiedler, der sich in den Wald zurückzieht, tut dies in Bezug auf Menschen: Er wendet sich von Menschen ab und zieht sich vor ihnen zurück. Die „reine“ Liebe, die vorgibt, den/die Andere/n ausschließlich um seiner/ihrer Selbst willen zu lieben, oder der „pure“ Hass, der die/den Andere/n als Mensch vernichten will, vollziehen sich in einer bestimmten Lebenssituation, die nicht getrennt von den Angelegenheiten, die sie betreffen, gesehen werden kann.

Gemischte Gefühle

  • Ein Gefühl tritt selten isoliert auf. Meist erlebt der Mensch in einer bestimmten Situation ein Bündel von verschiedenen Gefühlen (gemischte Gefühle).
  • Dieses Gefühlsbündel ist Ausdruck seiner komplexen Beziehung zum / zu den betreffenden Menschen bzw. zur betreffenden Angelegenheit.
  • Dabei bildet jedes einzelne Gefühl einen bestimmten Aspekt der Beziehung ab (besser: formt diesen Aspekt).

Gefühle treten selten in isolierter Form auf. Meist erleben wir gemischte Gefühle. Wir erleben ein Bündel von verschiedenen Gefühlen. Dieses Gefühlsbündel ist Ausdruck unserer komplexen Beziehung zum/zu den betreffenden Menschen bzw. zur betreffenden Angelegenheit.

Dabei bildet jedes einzelne Gefühl einen bestimmten Aspekt der Beziehung ab. Genauer gesagt: Jedes einzelne Gefühl bildet bzw. formt diesen bestimmten Aspekt. Ohne das jeweilige Gefühl sind wir dieses bestimmten Beziehungsaspektes gar nicht gewahr. Der jeweilige Aspekt kann vergessen, verdeckt, beiseite geschoben, verleugnet, ins Unbewusste verdrängt (wie es die Psychoanalytiker sagen würden), überspielt etc. sein. Er kann aber auch nicht mehr da oder überhaupt noch nicht da sein. Ein Beispiel für gemischte Gefühle ist das Verliebtsein, wo zumindest 4 Gefühle eine bedeutende Rolle spielen: Liebe, Sehnsucht, Begierde und Freude. Beim Verliebtsein zielen diese Gefühle in dieselbe Richtung. Meist aber erleben wir gemischte Gefühle, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Ich kann meine Frau in einer bestimmten Situation sowohl lieben als auch mich von ihr zurückgewiesen fühlen als auch mich nach ihr sehnen als auch um sie Angst haben als auch an ihr zweifeln als auch mich ihr gegenüber schuldig fühlen und noch dazu auf sie wütend sein.

Wir sind uns in den meisten Situationen dieses komplexen Gefühlsbündels nicht bewusst. Dies hat mehrere Gründe. Zum Einen achten wir üblicherweise gar nicht auf unsere Gefühle, sondern auf die Umstände und die Situation selbst, in denen sie auftreten. Zum Anderen sind die Gefühlsbündel meist nicht zwiespältig (ambivalent) sondern vielfältig. Die einzelnen Komponenten weisen untereinander zwar Gegensätze auf, aber in ihrer vielfältigen Gesamtheit bilden sie doch ein einheitliches Ganzes. Ambivalenz tritt erst auf, wenn dieses einheitliche Ganze nicht mehr aufrecht haltbar ist. Und so verspüren wir im Alltag auch immer wieder ambivalente Gefühle. Das deutlichste Beispiel für Ambivalenz ist die Hassliebe: Ich liebe und hasse jemanden zugleich. Aber es muss nicht gleich eine Hassliebe sein. Es genügt, dass ich mich zu jemandem hingezogen fühle und ihn zugleich abstoßend finde. Das Kennzeichen für Ambivalenz ist das Unvermögen, die widersprüchlichen Gefühle unter ein gemeinsames höheres Ganzes zu bringen.

Klarheit über Gefühle gewinnen

Wir können uns in einer Situation mit gemischten Gefühlen mittels Analyse der verschiedenen Aspekte der Beziehung zum (zu den) betreffenden Menschen und zur betreffenden Angelegenheit der einzelnen Gefühle bewusst werden, d.h. jedes einzelne dieser Gefühle in seiner „Reinheit“ spüren („pures“ oder „reines“ Gefühl im Gegensatz zu gemischten Gefühlen).

Ein Beispiel für die Anwendung der Klärung von Gefühlen: Menschen mir Borderline-Störung haben große Schwierigkeiten, Gefühle differenziert wahrzunehmen und sie zu benennen. Statt dessen erleben sie massive Spannungszustände, die so unerträglich sind, dass sie sich selber Schmerz durch Selbstverletzungen zufügen, nur damit diese Spannung wieder abklingt. Meist haben diese rasch auftretenden Spannungszustände Auslöser. So können wir durch Analyse der Situation, die dem Spannungszustand als Auslöser vorangegangen war, herausfinden, welches Gefühl in dieser Situation angemessen gewesen wäre. Wenn die betreffende Person z. B. etwas tun wollte (ein Ziel verfolgte) und ein unerwartetes Hindernis auftrat, wäre Wut ein angemessenes Gefühl. Häufig genügt die Mitteilung, dass Wut zu spüren der Situation entsprochen hätte, dass die Person die vormals undifferenzierte Spannung im Nachhinein als differenzierte Wut erkennt und fühlt.

Kategorisierung der Gefühle

  1. Freude

    Ausgelassenheit, Ergötzen, Enthusiasmus, Ekstase, Freude, freudige Erregung, Frohmut, Frohsinn, Fröhlichkeit, Genuss, Glück, Glückseligkeit, Hochgefühl, Hochgenuss, Hochstimmung, Jubel, Lebensfreude, Lebenslust, Leidenschaft, Lust, Lustigkeit, Schwung, Seligkeit, Spaß, Vorfreude, Wollust, Wonne, Unternehmungslust, Übermut, Überschwang, Vergnügen, Vergnügtheit

  2. Liebe

    Achtsamkeit, Anteilnahme, Aufgeschlossenheit, Aufmerksamkeit, Bedachtsamkeit, Behutsamkeit, Behütetsein, Erbarmen, Freundlichkeit, Geborgenheit, Geborgensein, Geduld, Großmut, Großzügigkeit, Güte, Hingabe, Hochachtung, Innigkeit, Liebe, Milde, Mitgefühl, Mitempfinden, Mitleid, Nachsicht, Respekt, Sanftmut, Sympathie, Toleranz, Umsicht, Verbundenheit, Verständnis, Vertrauen, Zärtlichkeit, Zuneigung, Zutrauen

  3. Gelassenheit

    Abgeklärtheit, Ausgeglichenheit, Ausdauer, Beschaulichkeit, Besonnenheit, Beständigkeit, Daseinsfreude, Entspannung, Befriedigung, Behaglichkeit, Behagen, Beharrlichkeit, Beruhigung, Beruhigtsein, Besinnlichkeit, Erfüllung, Erleichterung, Ermutigung, Gelassenheit, Gefasstheit, Genugtuung, Gleichmut, Heiterkeit, Interesse, Kompetenz, Konzentration, Kraft, Langmut, Ruhe, Sammlung, Sicherheit, Unbeugsamkeit, Unermüdlichkeit, Unerschütterlichkeit, Wohlbefinden, Wohlbehagen, Wohlgefallen, Wohlgefühl, Wohlwollen, Zufriedenheit, Zuverlässigkeit

  4. Angst

    Angst, Ängstlichkeit, Anspannung, Bangigkeit, Beklemmung, Beklommenheit, Besorgtheit, Beunruhigung, Furcht, Furchtsamkeit, Panik, Panikgefühl, Scheu, Sorge, Vorsicht, Wachsamkeit, Zaghaftigkeit, Zaudern, Zögern

  5. Traurigkeit

    Einsamkeit, Enttäuschung, Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Gedrücktheit, Kummer, Schwermut, Sehnsucht, Selbstmitleid, Traurigkeit, Trauer, Trost, Trostlosigkeit, Trübsal, Trübsinn, Verletztheit, Verzweiflung, Wehmut, Weltschmerz

  6. Gier

    Aufgeregtheit, Begehren, Begierde, Erregung, Erregtheit, gespannte Erwartung, Gespanntheit, Getriebensein, Gier, Hochspannung, innere Erregung, Initiative, Kühnheit, Mut, Nervosität, Neugier, Ungeduld, Unduldsamkeit

  7. Stolz

    Festigkeit, Hochmut, Schamlosigkeit, Selbstachtung, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Spannkraft, Stolz, Tapferkeit, Tatendrang, Triumpfgefühl, Unverdrossenheit, Würde, Zähigkeit

  8. Hoffnung

    Entschlossenheit, Erwartung, Hoffnung, Optimismus, Zielstrebigkeit, Zielbewusstsein, Zuversicht

  9. Wut

    Ärger, Argwohn, Aufgebrachtheit, Empörung, Gereiztheit, Gram, Groll, Trotz, Verbissenheit, Verbitterung, Verdruss, Wut, Zorn

  10. Hass

    Besessenheit, Feindseligkeit, Hass, Hassgefühl, Intoleranz, Rache, Rachsucht

  11. Eifersucht

    Eifer, Eifersucht

  12. Neid

    Ehrgeiz, Missachtung, Missgunst, Misstrauen, Neid, Respektlosigkeit

  13. Scham

    Bescheidenheit, Demut, Demütigung, Ehrfurcht, Scham, Schamgefühl, Verlegenheit

  14. Schuldgefühl

    Bedauern, Reue, Schuldgefühl

  15. Ekel

    Ablehnung, Abneigung, Abscheu, Ekel, Geringschätzung, Verachtung

  16. Niedergeschlagenheit

    Bedrückung, Frustration, Gedemütigtsein, Gekränktheit, Hilflosigkeit, Kraftlosigkeit, Leeregefühl, Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Pessimismus, Ratlosigkeit, Schwunglosigkeit, Überlastung

  17. Zweifel

    Betäubung, Unrast, Unruhe, Unsicherheit, Unzufriedenheit, Unzulänglichkeit, Verwirrung, Zerrissenheit, Zweifel, Zwiespältigkeit, Unschlüssigkeit, Rastlosigkeit

  18. Gleichgültigkeit

    Apathie, Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Langeweile, Stumpfheit

  19. Ungerührtheit

    Abgestumpftheit, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit (fehlende Anteilnahme), Unempfindlichkeit, Ungerührtheit

  20. Staunen

    Begeisterung, Befremden, Bestürzung, Betroffenheit, Bewunderung, Bezauberung, Entsetzen, Entzücken, Ergriffenheit, Erschütterung, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Faszination, Rührung, Staunen, Überraschung, Verblüffung, Verwunderung, Verzückung

Diese Tafel stellt den Versuch dar, die Gefühle in verschiedene Gefühlskategorien zu klassifizieren. In dieser Ordnung sind nicht 5 oder 9 Basisemotionen sondern 20 Gefühlskategorien hervorgetreten.

Alle davor aufgezählten 288 Gefühle wurden in dieser Ordnung jeweils einer Kategorie zugeordnet. Die Zuordnung erfolgte mehr oder minder willkürlich, aus dem Gefühl heraus. Allerdings erweist sich auch darin ein ordnendes Prinzip: Die Zuordnung zu einer einzelnen Gefühlsklasse engt den jeweiligen Begriff auf ein bestimmtes Einzelphänomen ein. Beispiele: Mit dem Begriff Achtsamkeit unter der Kategorie Liebe ist etwas anderes gemeint als mit Achtsamkeit unter der Kategorie Gelassenheit. Trübsinn unter der Kategorie Traurigkeit steht für ein anderes Phänomen als Trübsinn unter der Kategorie Niedergeschlagenheit. Unruhe unter die Kategorie Angst gestellt, weist auf ein anderes Phänomen hin als Unruhe unter der Kategorie Zweifel. Verachtung unter der Kategorie Ekel ist unterschiedlich zu Verachtung unter der Kategorie Hass.

Erwähnt sei, dass in dieser Kategorientafel zwischen Gleichgültigkeit und Ungerührtheit unterschieden wird. Die Sinnhaftigkeit dieser Unterscheidung wird sich in der Folie 18 zeigen.

Diese Kategorientafel erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Sie dient praktischen Zwecken, z. B. als Hilfsinstrument in der Psychotherapie. Vollständigkeit und damit Ein- und Ausschließlichkeit sind im Bereich Befindlichkeit wohl nie möglich.

Nicht aufgenommen in diese Kategorientafel wurden die Reflexiven Gefühle, die sog. Selbstgefühle. Diese habe mit Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Selbstbild und Selbstwert zu tun. Sie könnte man in gewissem Sinne als sekundäre Gefühle auffassen, da sie in reaktiver Weise auf der Grundlage der gefühlhaften Durchdringung der Welt in Interaktion mit den anderen Menschen und den jeweiligen Angelegenheiten zustande kommen bzw. gekommen sind - dies in einem reflexiven, rückbezüglichen Akt. Das heißt nicht, dass sie nicht von enormer Bedeutung für unsere jeweilige Gefühlslage und jeweilige Interaktion wären. In jeglicher Situation haben wir be-stimmte Selbstgefühle, die diese Situation mit-formen. Auch beeinflussen sie ihrerseits in hohem Ausmaß unsere Gefühle, die die jeweiligen anderen Menschen und die jeweiligen Angelegenheiten betreffen. Therapeutisch mag es oft sinnvoll sein, sich primär auf eine Veränderung der reflexiven Gefühle zu konzentrieren, um eine Veränderung der Gefühle zu anderen Menschen und den jeweiligen Angelegenheiten zu ermöglichen. So hat der Satz: Liebe dich selbst, damit du andere lieben kannst! durchaus seine Berechtigung. Angemerkt sei, dass Heidegger die Selbst-beziehung als Durchsichtigkeit definiert. Je durchsichtiger ich mir geworden bin, desto klarer kann ich Andere und Anderes sehen.

2 Kategorien der Gefühle

  • Gefühle mit primärem Bezug zu Menschen
  • Gefühle mit primärem Bezug zu Angelegenheiten

Es wird nun versucht, darzustellen, dass Heideggers fundamentaler Unterscheidung zwischen daseinsmäßigem Seienden (Menschen) und nichtdaseinsmäßigem Seienden (Dinge, Sachen Angelegenheiten) den Unterbau für eine noch grundlegendere Kategorisierung der Gefühle darstellt. Wenn unsere Beziehung zu anderen Menschen auf der einen und zu den Angelegenheiten auf der anderen Seite sich fundamental voneinander unterscheiden, und die Gefühle (Befindlichkeit) in Einheit mit dem Verstehen das Fundament unseres Daseins ausmachen, so müssen wohl Gefühle in Bezug auf andere Menschen und Gefühle in Bezug auf Angelegenheiten sich auch voneinander fundamental unterscheiden.

2 Kategorien der Gefühle

  • Gefühle mit primärem Bezug zu Angelegenheiten:
    1. Freude
    2. Gelassenheit
    3. Angst
    4. Gier
    5. Hoffnung
    6. Wut
    7. Ekel
    8. Niedergeschlagenheit
    9. Zweifel
    10. Gleichgültigkeit
    11. Staunen
  • Gefühle mit primärem Bezug zu Menschen:
    1. Liebe
    2. Traurigkeit
    3. Ungerührtheit
    4. Hass
    5. Stolz
    6. Eifersucht
    7. Neid
    8. Scham
    9. Schuldgefühl

Angesichts der Heideggerschen Unterscheidung zwischen der Beziehung zu daseinsmäßigem Seienden und der Beziehung zu nichtdaseinsmäßigem Seienden werden nun Gefühle mit primärem Bezug zu Menschen und Gefühle mit primärem Bezug zu Angelegenheiten unterschieden und die oben genannten 20 Gefühlskategorien jeweils einer dieser beiden Grundkategorien zugeordnet.
Um zu überprüfen, ob die jeweilige Zuordnung gerechtfertigt ist, können wir mit jedem der 20 Gefühle folgenden Test machen: Ich stelle mir vor, ich lebe alleine auf einer Insel, es gibt keinen anderen Menschen. Auch nicht in meiner Phantasie gibt es keinen. Es gibt auch keine irgendwie geartete Erinnerung an irgendwelche andere Menschen. Ich bin der einzige Mensch, den es im ganzen Universum gibt und je gegeben hat. Ist dann dieses Gefühl möglich oder nicht?

Freude: Um mich an etwas zu freuen, brauche ich keinen anderen Menschen.
Gelassenheit: Diese ist unser Ziel, nicht umsonst versuchen buddhistische Einsiedler diesen Zustand in der Einsamkeit zu erlangen.
Angst: Ich habe nicht Angst vor einem anderen Menschen, sondern davor, was er mir antun könnte, also vor einer Angelegenheit, in die wir beide verwickelt sind.
Gier: Gier als Aspekt des Verliebtseins richtet sich nicht an das Herz der geliebten Person, sondern an den Körper, die Stimme, an ihr Tun etc.
Hoffnung: Hoffnung ist ohne andere Menschen durchaus möglich.
Wut: Wie Angst, so richtet sich Wut auch nicht auf den anderen Menschen als Mensch. Ich bin wütend auf dich, weil du das und das tust. Ich bin wütend auf die Handlung, die du setzt (im Gegensatz zu Hass).
Ekel: Wenn uns vor einem Menschen ekelt, ist er es nicht als Mensch. Das, wovor uns eigentlich ekelt, ist eine Eigenschaft (Angelegenheit) an ihm: z. B. Ekel vor seinen Schweißfüßen, seiner unreinen Haut, seinem Mundgeruch.
Niedergeschlagenheit: Auch der Mensch, der nichts von anderen Menschen weiß, kann niedergeschlagen sein.
Zweifel: Ich zweifle zwischen zwei oder mehreren Sachlagen (Angelegenheiten) hin und her.
Gleichgültigkeit: Ich kann Dingen und Angelegenheiten gegenüber gleichgültig sein, wobei mir zugleich sehr wohl Menschen am Herzen liegen.
Staunen: Ich staune vor einer Sachlage, vor einer Angelegenheit, z. B. der Tatsache, dass ein Mensch geboren wird und wie er wächst und reift.
Liebe: Liebe ist immer auf den Menschen selbst bezogen. Ich kann die Natur gerne haben, dann sind aber andere Gefühle daran beteiligt, wie Gelassenheit, Gier, Freude, Staunen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir von keinem anderen Menschen irgendwelche Kenntnis haben, gewinnt unsere „Liebe“ zur Natur auch einen anderen Charakter, als wenn wir uns die Natur mit all unseren Lieben und den Menschen insgesamt vorstellen. Wenn wir Tiere lieben, so „vermenschlichen“ wir diese. Wir sehen dann in Tieren auch nur „Menschen“.
Traurigkeit: Traurig sind wir, wenn uns ein Mensch verlässt und wir glauben, dass wir ihn nicht mehr erreichen. Wenn wir traurig sind, weil uns eine wertvolle Sache, ein Ding oder eine geistige Sache (z. B. Arbeitsstelle, Freizeitangelegenheit) uns abhanden kommt, so bezieht sich die Traurigkeit auf all das „Menschliche“ in dieser Sache, d. h. die Menschen, die in diese Sache involviert waren.
Ungerührtheit: Man kann von Dingen und Angelegenheiten begeistert sein und zugleich Menschen gegenüber völlig ungerührt bleiben.
Hass: Hass ist eher selten, Hass richtet sich gegen den gehassten Menschen als Mensch. Der Hassende will ihn vernichten - im Gegensatz zu Wut. Wut ist feurig-heiß, aufwallend, unüberlegt, stürmisch. Hass ist eiskalt-klar, wohlüberlegt, wartet auf die günstige Gelegenheit.
Stolz: Wenn ich mir vorstelle, es gibt nur mich, vor wem und auf was sollte ich dann stolz sein?
Eifersucht: Eifersucht unterscheidet sich von Neid dadurch, dass es bei Neid um eine Sache, bei Eifersucht aber um das Herz eines Menschen geht.
Neid: Bei Neid geht es zwar um eine Sache, aber es ist ein Mensch, den ich um diese Sache beneide.
Scham: Bei Scham geht es um eine Gruppe von Menschen.
Schuldgefühl: Ohne einen anderen Menschen gibt es auch kein Schuldgefühl.

Dies ist die grundsätzliche Unterscheidung zwischen den Gefühlen mit primärem Bezug zu Angelegenheiten und den Gefühlen mit primärem Bezug zu Menschen. Primär deshalb, weil die Unterscheidung nicht immer und überall zutrifft. Im Alltag, in dem eine nicht zu vermeidende Verwickelung unserer Gefühle besteht, projizieren wir Liebe auf Dinge, verwechseln wir in der Angst einen Menschen als Mensch mit dem, was er tut etc.
Narzisstische Persönlichkeiten weisen unter anderem die Eigenheit auf, dass sie sich gefühlsmäßig mit der Unterscheidung von Menschen und Sachen schwer tun. Sie gehen oft mit Sachen wie mit Menschen um und behandeln Menschen so, als ob diese leblose Dinge wären. So beharrte einmal jemand in einem Disput darauf, dass man, wenn man seinen Porsche zu Schrott gefahren hat, genauso traurig sein könne wie nach dem Tod der eigenen, geliebten Mutter. Natürlich kann man nach Verlust seines Autos traurig sein. Diese Trauer hat wohl mit all den tatsächlichen oder bloß in der Vorstellung bestehenden menschlichen Beziehungen, in denen das Auto eine Rolle gespielt hat, zu tun. Etwas anderes ist die Tendenz der Narzissten, Menschen und Sachen als undifferenziertes Einerlei wahrzunehmen und miteinander zu verwechseln. Tiefliegende Konstruktionen (Projektionen) verstellen ihnen ihre eigene Durchsichtigkeit.

Stimmung - Gefühl

  • Üblicherweise erlebt der Mensch in einer bestimmten Situation „gemischte Gefühle“.
  • Dennoch herrscht in den meisten Situationen häufig ein Gefühl als Grundstimmung vor, das die übrigen Gefühle färbt bzw. modifiziert.

In einer bestimmten Situation erleben wir üblicherweise ein Bündel von Gefühlen zugleich oder in wechselnder Folge nacheinander. So können z. B. Gefühle derselben Kategorie ineinander übergehen, wodurch sich unser Erleben und Verhalten entsprechend verändert. Wut kann in Empörung und diese in Ärger und der wiederum in Wut übergehen. Gefühle, die nicht zugelassen wurden, können plötzlich ins Bewusstsein treten, z. B. Wut auf den Verstorbenen im Rahmen der Trauer über seinen Tod. Gemischte Gefühle, die in einem Spannungszustand zwar da, aber als Einzelkomponenten nicht erkennbar waren, können aus irgendwelchen Gründen in ihrer Differenziertheit gespürt und erfasst werden. Meist macht es uns wenig Schwierigkeiten, die jeweils beteiligten Gefühle zu er-spüren. Die Umstände ändern sich üblicherweise rasch – entsprechend auch unsere gefühlsmäßige Beteiligung an diesen. Gibt es etwas, das die jeweiligen Umstände und die auf diese bezogenen Gefühle in ihrer jeweiligen Mischung überdauert? Gibt Gefühle, die sich nicht bloß auf die jeweiligen aktuellen Umstände beziehen, sondern unser grundlegendes Eingebettetsein in unsere Welt formen? Dies sind die Stimmungen. In den meisten Situationen gibt es eine jeweilige Stimmung, die die übrigen Gefühle färbt und modifiziert.

Stimmung - Gefühl

Beispiele:

Depression: Grundstimmung – Niedergeschlagenheit, bzw. Gefühl der Gefühllosigkeit. Alle erlebten Gefühle (z.B.: Angst, Schuldgefühl, Scham, Traurigkeit, Hoffnung, Ekel, Zweifel) erhalten eine depressive Färbung und werden anders erlebt als in einer gelassenen Stimmung.

Trauer: Grundstimmung – Traurigkeit. Alle Gefühle erhalten eine traurige bzw. sehnsuchtsvolle Färbung.

Liebe: In einer Eltern-Kind-Beziehung, die durch Liebe gefestigt ist, wo das Gefühl, der Andere ist mir wichtig(er als ich selbst) vorherrscht (z.B.: leibliches Kind), wird das Gefühl Wut auf oder das Gefühl Angst um das Kind anders erlebt werden als in einer Beziehung, wo die Liebe nicht so stark empfunden wird (z.B.: Pflegekind).

Weisheit: Grundstimmung – Gelassenheit. Es sind weiterhin alle Gefühle da, aber sie erhalten eine gelassene Färbung. So kann z.B. Angst oder Wut kommen, der gelassene Mensch achtet auf sie, aber kann sie gelassen wieder loslassen.

Die Stimmungen in denen wir uns jeweils befinden, bestimmen unsere jeweilige Sichtweise auf die Welt und das, was uns in ihr begegnet. Sie bestimmen unser Da-sein. Sie geben unserer Welt Farbe (emotionale Färbung). Sie sind der jeweilige rote Faden, um den sich die anderen Gefühle gruppieren. Sie bestimmen, welche anderen Gefühle zugelassen werden und wie diese erlebt werden.

„Pure“ Gefühle – „Klare“ Gefühle

  • Mit „pure“ Gefühle ist gemeint, dass ich ein Gefühl, dass einem bestimmten Beziehungsaspekt entspricht, eindeutig spüre und als dieses benennen kann – gleichgültig, ob ich den Menschen oder die Angelegenheit, auf den / die mich dieses Gefühl bezieht, verzerrt (durch meine Projektionen hindurch) oder unverstellt wahrnehme.
  • „Klare“ Gefühle sind durch die Grundstimmung Gelassenheit gefärbt. Ich bin mir selbst durchsichtig geworden und keine Projektionen verstellen mir den Blick auf den anderen Menschen oder die jeweilige Angelegenheit. Ich habe in mir die Voraussetzung geschaffen, um sie unverstellt und unverzerrt wahrnehmen zu können.

„Pure“ oder „reine“ Gefühle sind Angst, Wut, Traurigkeit, Schuldgefühl, Ekel usw. im Gegensatz zu gemischten Gefühlen. Sie sind die Grundbausteine unserer jeweiligen komplexen Gefühlslage. Jedes „pure“ Gefühle entspricht einem bestimmten Beziehungsaspekt zu den Menschen und Angelegenheiten, mit denen wir zu tun haben. Es ist dabei gleichgültig, ob wir die jeweiligen Menschen oder Angelegenheiten, auf die uns dieses Gefühl bezieht, verzerrt (durch die eigenen Projektionen hindurch) oder unverstellt wahrnehmen. Angst bleibt Angst, ob diese Angst in der jeweiligen Situation berechtigt ist oder nicht. Schuldgefühl bleibt Schuldgefühl, gleichgültig ob ich die ihr entsprechende Norm ungeprüft von meinen Eltern und Lehrern übernommen habe oder ob ich mir eine eigene Werteordnung durchdacht und errichtet habe. Sehnsucht bleibt Sehnsucht, gleichgültig ob wir in völliger Verblendung den ersehnten Menschen verzerrt wahrnehmen oder ihn in aller Klarheit als der, der er in Wahrheit ist, erkennen. Liebe bleibt Liebe, gleichgültig ob es eine sogenannte Übertragungsliebe ist oder nicht.

Im Gegensatz zu den „puren“ Gefühlen, die in unterschiedlichen Stimmung eindeutig gespürt werden können, sind „klare“ Gefühle durch die Grundstimmung Gelassenheit gefärbt. Nur wir Menschen haben die Fähigkeit, uns über jemandem, über etwas und über uns selber klar zu werden. Je mehr Klarheit wir erlangen, desto mehr können wir die/den Andere/n und das Andere so wahrnehmen, wie sie/er und es in Wahrheit ist. Um Klarheit zu erlangen müssen wir für uns selber durchsichtig werden. Durchsichtigkeit erlangen wir, indem wir innerpsychische Konstruktionen und Projektionen, die uns den Blick auf den anderen Menschen oder die jeweilige Angelegenheit – und auf uns selber – verstellen, auflösen. Durchsichtiger werden bedeutet also, weniger das Bedürfnis haben, sich die Dinge und die Tatsachen zurecht biegen zu wollen, damit sie den eigenen Konstruktionen und Projektionen entsprechen. Nur in der Gelassenheit können wir alles so sein lassen, wie es in Wahrheit ist.

Klarheit und Wahrheit

  • Die Grund-Frage nach der Möglichkeit einer wahrhaftigen Beziehung:

    Hat der Mensch die Möglichkeit einen anderen Menschen, eine Sache, eine Angelegenheit oder eine Situation klar und unverstellt zu sehen, d.h. so zu erfassen wie dieser/diese in Wahrheit ist und in dieser Wahrhaftigkeit mit ihm/ihr in Beziehung zu treten?

    Oder sind diese bloß Abbild seiner eigenen „innerpsychischen Konstruktionen“ (Konstruktivismus)?

  • Gefühle sind keine bloßen „innerpsychischen Konstruktionen des eigenen Selbst“ sondern sie bilden (formen und ab-bilden) unsere Beziehung zu dem, was uns in der Welt begegnet.

Die beiden letzten Folien führen auf die Grundfrage Heideggers zurück: Was ist Wahrheit? Gibt es die eine und einzige Wahrheit und nur sie oder gibt es viele verschiedene Wahrheiten, wie es manch ein Vertreter des Konstruktivismus glaubt. Ist Wahrheit bloß konstruiert? Hat jeder Mensch seine eigene Wahrheit? Heideggers Antwort ist eindeutig: Es gibt nur die eine Wahrheit - wir alle sind in ihr. Wir können uns ihr verschließen, aber unsere eigentliche Bestimmung ist, uns ihr zu öffnen. Uns ist aufgegeben, sie zu suchen, um sie zu kämpfen, sie zu ergründen und in Wahrhaftigkeit in ihr zu leben. Sie ist unser Grund und unser Ziel zugleich und dennoch unergründlich. Meist sehen wir sie nur durch alle die zahlreichen Verstellungen und Verzerrungen hindurch scheinen. In seltenen Augenblicken wird sich die/der eine oder andere von uns ihrer voll gewahr. Aber wir Menschen können sie nie fassen, denn ständig entzieht sie sich uns. Wir Menschen sind in der Wahrheit, indem wie in ihr irren. Für das, was der Konstruktivismus als „eigene Wahrheit“ ausgibt, gibt es in unserer Alltagssprache einen anderen Begriff: „eigene Meinung“.

Wahrhaftigkeit

  • Je mehr wir uns der verschiedenen Aspekte unserer Beziehung zu dem, was uns begegnet, bewusst werden, desto klarer (d.h. weniger durch eigene Konstruktionen/Projektionen verstellt) können wir es sehen bzw. wahr-nehmen.
  • Sich der verschiedenen Aspekte einer Beziehung bewusst werden bzw. sie zu verstehen, heißt auch: alle Gefühle, die diese Beziehung formen, bewusst erleben, d.h. er-fühlen.
  • Im Prozess des bewussten Er-fühlens aller „puren“ Gefühle gewinnen wir Klarheit, indem wir eigene Konstruktionen/Projektionen abbauen und so für uns selbst durchsichtiger werden. Wir eröffnen in uns auf diese Weise die Voraussetzung dafür, dass wir den Anderen/das Andere so erleben können, wie er/es in Wahrheit ist.
  • Dieses bewusste Er-fühlen aller „puren“ Gefühle in einer Beziehung führt durch den Abbau von verstellenden Konstruktionen/Projektionen zu einer Veränderung unseres eigenen Selbst(verständnisses), wodurch umgekehrt unsere Gefühle zum Anderen in ihrer Ursprünglichkeit erneuert und auf eine bestimmte Weise verändert, d.h. stimmungsmäßig gefärbt werden.
  • Die Stimmung dieses wahrhaftigen Erfassens des Anderen und des eigenen Selbst ist die (ehrliche, nicht gespielte) Gelassenheit.
  • Das wahrhaftige Erfassen ist aber nur in einer wahrhaftigen, d.h. ehrlichen Begegnung mit dem Anderen möglich, in der Gefühle nicht vorgetäuscht oder gespielt (d.h. auch überspielt) sondern mit einer gewissen Gelassenheit zugelassen werden.
  • Je gelassener und je durchsichtiger wir uns selbst werden, desto ungetrübter nehmen wir den Anderen/das Andere wahr. Dennoch kann der Blick auf ihn/es weiterhin verstellt sein.
  • Um den Anderen/das Andere so kennen zu lernen, wie er/es in Wahrheit ist, ist die eigene Gelassenheit (Stimmung) und Durchsichtigkeit (Verstehen) zwar Voraussetzung, aber trotzdem müssen wir auch danach trachten, die Verstellungen des Anderen zu erkennen und zu durchblicken.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit: Der letzte Satz dieser Folie lautet: Um den Anderen/das Andere so kennen zu lernen, wie er/es in Wahrheit ist, ist die eigene Gelassenheit (Stimmung) und Durchsichtigkeit (Verstehen) zwar Voraussetzung, aber trotzdem müssen wir auch danach trachten, die Verstellungen des Anderen zu erkennen und zu durchblicken. Dieser Satz bedarf folgender Ergänzung: Die Verstellungen des Anderen sind nicht unser Werk. Sie sind nicht unsere Konstruktionen. Damit ist gezeigt, dass - entgegen Behauptungen gewisser konstruktivistischer Theorien - die Wirklichkeit nicht von uns konstruiert ist.